EJZ-ARTIKEL VOM 16.10.2004

Aktuell:

George Orwell lässt grüßen

Gartower Computerclub 2000 befürchtet: »Gläserner Mensch wird noch mehr Realität»

ab Gartow. Bei der Polizei müsse man nicht mehr persönlich erscheinen, um den Strafzettel zu bezahlen. Die Ausrede, man sei nicht selbst gefahren, gelte nicht mehr, seit die biometrischen Daten des Ausweises beim Starten des Autos automatisch auf den Chip im Pkw übertragen würden und per Funk über Satellit jederzeit abrufbar seien.

Dem Datenschutz zuliebe sagten die Sheriffs dem Lebenspartner des Autofahrers aber nicht, wo er die letzte Nacht verbracht habe.

Ist dieses Szenario die Spinnerei einiger Visionäre oder wird das zuvor Beschriebene bald eintreten? George Orwell, Autor des Zukunftsromans »1984», lässt jedenfalls schon mal ganz herzlich grüßen. Denn das mit dem Chip ist bereits Wirklichkeit, meint der Gartower Computerclub 2000. Der Identifizierungschip für alle Fälle sei technisch keine große Herausfor- derung. Er werde beim Ablesen durch einen elektromagnetischen Impuls des Lesegerätes aktiviert. »Der gläserne Mensch wird in kurzer Zeit noch mehr Realität sein», befürchtet Club-Vorsitzender Helmut Hinsch.

Auf Computernutzer komme jedoch schon vorher sehr viel Schlimmeres zu, sagt Hinsch. Nämlich »Longhorn». Merkmale: Lange Hörner, dämlicher Blick, kleines Gehirn. Also ein enger Verwandter des homo sapiens. »Longhorn» sei aber auch ein neues Betriebssystem von Microsoft. Wahrscheinlich Ende 2005 oder Anfang 2006 werde »Longhorn» auf den Markt kommen, hat der Club-Vorsitzende erfahren. Aber was da angekündigt sei, sei kein Rindvieh. Obwohl der »Homo» daran herumgebastelt habe. Von »sapiens» will Hinsch in dem geschilderten Zusammenhang lieber nicht reden, bedeute das Wort doch »vernunftbegabt».

Sich in das zu erwartende Microsoft-Betriebssystem mit einer jährlich zu zahlenden Summe einkaufen und somit Mitglied einer Trusted Computing Gesellschaft (TCG) werden; das könnten sich nur sehr finanzkräftige Firmen leisten, so Helmut Hinsch: »Private, kleine Softwareschmieden müssen dann wohl außen vor bleiben.»

Herzstück des TCG-Konzeptes sei ein so genannter Fritz-Chip auf dem Mainboard, und der übernehme die komplette Kontrolle über den Computer, prognostiziert Hinsch. Die TCG verspreche dem Nutzer sehr viel: keine Viren, keine Hacker, keine Raubkopien. »Aber dafür dürfen wir die Kontrolle über den eigenen PC einem Kartell der Großen überlassen.»

Und dann werde es künftig noch das »Digital Rights Mana-gement» geben, das DRM. Kontrolle total, und zwar für Musik- und Video-Liebhaber, die dafür ihre Computer nutzen. Hinsch: »Musik und Videos können nur abgespielt werden, wenn ein entsprechender Schlüssel verfügbar ist, den es für die schönen, alten MP3-Player allerdings nicht geben wird.»

Der Vorsitzende des Gartower Computer-Clubs wagt einen weiteren Blick in die Zukunft - etwa ins Jahr 2015 - und spricht noch einmal das Thema Identifizierungschip an, der den Menschen endgültig »gläsern» mache. Da seien dann wirklich alle Daten abrufbar: Was man zum Beispiel im Supermarkt gekauft habe, wann man zuletzt beim Arzt oder auf dem Arbeitsamt gewesen sei.

Computernutzer und -nutzerinnen werden von Helmut Hinsch freilich auch »beruhigt». Computerviren gebe es selbstverständlich bald nicht mehr. »Dein PC wurde nur abgeschaltet, weil du zum zweiten Mal versucht hast, ein Programm zu installieren, das nicht lizensiert war. Der Film, den du neulich im Internet angeguckt hast, war auch nicht für dich zugelassen - war es nicht der Uralt-Schinken ,1984»? Dass du deswegen nicht mehr an dein Konto rankommst - schließlich gibt es keine Bankfilialen mehr - hast du dir selber zuzuschreiben. Doch Bargeld nehmen ohnehin nur noch Gangster und Terroristen.»